Nordkurs

Flauschige Nasen von nah und fern….

Abschied nehmen wir von Luosto bei, na klar, mal wieder Regen. Aber noch einmal wie die Finnen ganz traditionell in einer Kota grillieren, muss dann doch noch sein. Michi geht beim Feuermachen richtig auf, und so haben wir schon bald die perfekte Glut. Es gesellt sich noch ein finnisches Pärchen mit Hund zu uns, und so tauschen wir perfekte Glut gegen gute Reisetipps über Finnland. Nur mit den finnischen Würsten werden wir einfach nicht warm, und so freuen wir uns schon jetzt wieder auf einen guten Cervelat vom Metzger unseres Vertrauens.

Die Wetteraussichten für die nächsten fünf Tage sind zwischen schlecht und sehr schlecht, die Kleider gehen langsam aus, und so richtig geduscht haben wir auch schon länger nicht mehr. Und so entscheiden wir uns kurzerhand, eine Villa in Ruka zu mieten. Schon vor Jahren hat Nici in Ruka eine Villa entdeckt, die sie unbedingt mal mieten wollte, und jetzt scheint der perfekte Zeitpunkt. Wir fahren also wieder etwas südlicher und freuen uns auf einige entspannte Tage im Trockenen.

Es regnet den ganzen Tag in Strömen, und die Anfahrt zu unserer Villa führt am Schluss mal wieder über eine Kiesstrasse. Wir hoffen ganz fest, dass unser Camper «Beni» nicht irgendwo im Matsch stecken bleibt. Die Villa ist der absolute Traum, direkt am See gelegen und mit allem Komfort, den man sich nur wünschen kann. Und so freuen wir uns richtiggehend, dass das Wetter schlecht ist und wir ausgiebig die Annehmlichkeiten von unserem temporären Zuhause testen können. Sauna und abkühlen im See inklusive…

Aber natürlich sitzen wir nicht nur vor dem Cheminée und frönen dem Nichtstun, wann immer es das Wetter zulässt, gehen wir auf die Suche nach wilden oder weniger wilden Tieren.

Nici möchte unbedingt Rentiere streicheln, und so entscheiden wir uns für einen Besuch auf der Rentierfarm Kujalan Porotila in der nähe von Kuusameo. Es gibt noch Tickets für die Morgenfütterung, und so müssen wir seit Langem wieder einmal einen Wecker stellen. 07.30 Uhr heisst es dann tagwach, und wir sehen beide sowas von zerknittert aus. Das frühe Aufstehen haben wir also definitiv verlernt.

Rentiere sind halbwilde Tiere, und jedes Tier, das im finnischen Wald umherstreunt, gehört einem Sami. Darum sind auch alle Tiere markiert und zusätzlich teilweise noch mit GPS-Sender ausgestattet. Von April bis November sind die Rentiere in der Freiheit, und wenn im Dezember das Futter knapp wird, kehren sie auf ihre Farm zurück. Die meisten der Tiere bleiben in einem Umkreis von rund 20 bis 30 Kilometern um ihre Farm irgendwo im finnischen Wald, aber es gibt auch solche, die die Gärten der Einwohner als ihr Quartier benutzen und die liebevoll angepflanzten Blumen und das Gemüse genüsslich verspeisen. In solchen Fällen müssen die Tiere von den Sami abgeholt werden. Wenn ein Rentier zu viel Ärger verursacht, bekommt es einen GPS-Sender, damit sie besser überwacht und erzogen werden können. Bei allzu viel Ärger gibt’s dann Rentierburger 😋.

Zum Glück erhält Nici als erstes die Verantwortung über ein Renntier und darf „Vesku“ (bekannter Influencer) vom Parkplatz bis zum Eingang führen, das kann nur gut gehen.

Zweimal im Jahr kommen die Tiere zu Round-ups zusammen, werden gezählt und Jungtiere markiert. Bei diesen Round-ups wird auch entschieden, aus welchen Tieren ein guter Rentierbraten wird und welche weiter in der Freiheit leben dürfen. Einige wenige Tiere werden als Arbeitstiere auserkoren und kehren etwas früher auf die Farm zurück. Dort werden sie an den Menschen gewöhnt, sodass sie im Winter die Touristen durch den Schnee ziehen können.

Wir lernen also viel über die wundervollen Tiere, geben ihnen fleissig Futter und dürfen sie natürlich auch streicheln. Erstaunlicherweise gehen sie ganz behutsam mit ihrem Geweih um und versuchen beim Fressen möglichst nicht mit dem Geweih anzustossen. Und das ist doch erstaunlich, weil bei den Männchen so ein Geweih rund 20 Kilo wiegt und damit rund 10 % von ihrem Körpergewicht. Während der Paarungszeit verlieren die Bullen bis zu 25 Prozent ihres Körpergewichts, weil sie vor lauter Kämpfen und Werben um die Weibchen kaum noch zum Fressen kommen. Kein Wunder werfen sie danach das Geweih ab, unnötiger Ballast will schliesslich niemand mit sich rumschleppen. Die Weibchen dagegen behalten ihr Geweih bis ins Frühjahr, unter anderem um sich im Winter gegen die Männchen um die besten Futterstellen zu behaupten.

Und jetzt wisst ihr also auch, dass selbst Santa Claus auf Woman Power setzt, wenn er auf seinem Rentierschlitten durch den Himmel fliegt. Achtet beim nächsten Mal gut darauf, dann seht ihr, dass all seine Rentiere an Weihnachten noch ein Geweih haben.

Nachdem wir nun wissen, wie flauschig Rentiere tatsächlich sind und wir natürlich bei den Sami auch einige Rentierburger und ein kleines Rentierfell erworben haben, versuchen wir als nächstes unser Glück beim Bärenbeobachten um weitere flauschige Tiere zu sehen.

In Russland, direkt an der finnisch-russischen Grenze, liegt der Paanajärvi-Nationalpark, der den Bären viel Platz und Futter bietet, und weil sie dort nicht gejagt werden, gibt es davon offenbar ganz viele.

Wir machen uns also mit «Beni» auf den Weg an die russische Grenze. Rund 2 Kilometer davor liegt der Bärenbeobachtungsspot von Bear Kuusamo. Bis zum Einbruch der Dunkelheit begeben wir uns in ein kleines Hüttchen («Hide») und hoffen, dass ein Bär auf der Futtersuche die Grenze zwischen Finnland und Russland missachtet und uns vor die Linse kommt. Aber ausser jeder Menge Möwen und Raben und drei imposanten Seeadlern ist es ruhig.

Es wird langsam dunkel draussen, und wir sind schon fast dabei, das ganze Kamera-Equipment wieder einzupacken, da ändern die Raben plötzlich ihren Ruf. Das Gekreische wird höher und intensiver als in den letzten vier Stunden, und das ist das Zeichen, dass sich ein Bär in der Nähe befindet. Wir warten also nochmals etwas ab, und dann steht plötzlich in rund 70 Metern Distanz vor uns eine gut genährte Bärendame. Einfach atemberaubend 🐻. Leider verschwindet dieses wunderschöne Tier nach fünf Minuten wieder in die dichten finnischen Wälder.

Bald sind die Bären im Winterschlaf, und die Chance, einen zu sehen, wird immer kleiner, trotzdem versuchen wir es am Montag noch einmal. Wir nehmen also nochmals die beschwerliche Anfahrt über rund 20 Kilometer Gravelpiste an die russische Grenze unter die Räder. Aber dieses Mal ist uns das Glück nicht hold. Wir sitzen also vergeblich, dick eingepackt und schweigend, fünf Stunden im Wald und warten. Und trotzdem geben wir nicht auf und versuchen unser Glück auch am Dienstagabend wieder. Aber auch da leider erfolglos. Nur einen scheuen Fuchs bekommen wir dank den aufmerksamen Augen von Dani der mit uns im Hide sitzt zu sehen.

Der Herbst geht hier im hohen Norden bereits seinem Ende entgegen, und die Zeit läuft uns langsam davon. Eigentlich wollten wir ja noch weiter nach Norden, also entscheiden wir uns schweren Herzens, die Bärensuche für dieses Jahr endgültig aufzugeben, und navigieren in Richtung Inari.