Das Wetter ist besser geworden, und Lappland strahlt in den schönsten Herbstfarben. Die Temperaturen werden aber merklich frischer, also rüsten wir uns noch mit einer schwedischen Daunenjacke aus, damit wir für die kommenden Tage und vorallem Nächte gewappnet sind.
Von Haparanda geht es auf der Strasse 99 weiter Richtung Norden, und beim kleinen Dorf Juoksengi, das sich stolz «Polcirkelbyn», also Polarkreis-Dorf, nennt, überqueren wir den Arctic Circle. Der Polarkreis liegt bei 66° 33′ Nord und markiert die Grenze, ab der im Sommer mindestens einen Tag lang die Sonne nicht untergeht (Mitternachtssonne) und im Winter nicht aufgeht (Polarnacht). Und weil das offenbar noch nicht überall angekommen ist liebe Grüsse an dieser Stelle an einige von Nicis Arbeitskollegen, die doch tatsächlich bis vor Kurzem der festen Überzeugung waren, hier herrsche ein halbes Jahr lang Dunkelheit 🙄. Nein, liebe Leute, das gilt höchstens exakt am Nord- oder Südpol selbst, und auch dort ist es nicht einfach «dunkel», sondern die Sonne bleibt schlicht ein halbes Jahr lang unter respektive über dem Horizont. Direkt am Polarkreis, wo wir gerade stehen, ist es genau ein einziger Tag im Jahr, an dem die Sonne nicht untergeht, und ein einziger, an dem sie nicht aufgeht. Ganz fix ist die Linie übrigens auch nicht. Weil sich die Neigung der Erdachse minim verändert, wandert der Polarkreis jedes Jahr rund 14,5 Meter nach Norden.




Viel Zeit können wir dort aber nicht verbringen, Nici hat einen wichtigen Termin in Rovaniemi. Sie muss zur Maniküre und ihre Nägel erneuern 💅😏 (die Prioritäten stimmen halt). Michi schaut sich derweil in Rovaniemi um, und auch die moderne Mobilität ist im hohen Norden angekommen. Autonome Lieferroboter von Starship Technologies rollen hier durch die Strassen und beliefern Kundschaft mit dem Wocheneinkauf. Rovaniemi ist der nördlichste Standort weltweit, wo Lieferrobotor im Einsatz sind und im Winter werden die Roboterchen sogar als Rentiere und Wichtel verkleidet. Gut daneben steht dann auch noch der uralte Saab. Ja, es ist die ganze Bandbreite vorhanden.




Nachdem die Maniküre erfolgreich absolviert ist, geht’s weiter Richtung Luosto. Dort hat es uns im Winterurlaub vor zwei Jahren so gefallen hat, dass wir entschieden haben, auch mal im Sommer kurz vorbeizuschauen. Und schon auf der Anfahrt werden wir freudig von jeder Menge Rentiere begrüsst.








Das Wetter am Sonntag ist mal wieder so lala, und so nehmen wir es gemütlich. Nach einem ausgedehnten Frühstück im Camper radeln wir los Richtung Aarnikota, ein kleines Beizli am Rande der Loipe, oder im Sommer eben am Biketrail, wo es Crêpes vom offenen Feuer gibt 🥞. Der Name ist übrigens Programm denn «Aarni» steht in der finnischen Mythologie für einen uralten, verwunschenen Wald, und «kota» ist das traditionelle Lappenzelt. Wir radeln also quasi zur «Hütte im Zauberwald».






Wir nehmen den direkten Weg hin und zurück, Nici hat nämlich mal wieder ihre elektronische Schaltung im Camper vergessen, und mit nur einem Gang macht das Radfahren einfach wenig Spass. Und der Regen kommt eh schon bald wieder.
Am Montag starten wir bei herrlichem Sonnenschein und knapp über null Grad in den Tag ☀️❄️. Das lässt uns aber nicht davon abhalten, mit unseren Rädern die Umgebung auszukundschaften. Auf Komoot hat Nici eine Gravel-Tour gefunden, die wir abfahren möchte. Komischerweise brauchen die für 17,5 Kilometer und 250 Höhenmeter zwei Stunden und stufen die Tour als schwer ein. Aber gut, da muss wohl etwas falsch sein, und wir als fleissige Schweizerli schaffen das ja locker. Freudig gehen wir aus dem Haus respektive Camper, Michi nimmt noch rund 20 Kilo Fotokamera-Equipment mit 📸, und los geht’s. Nach gut 3 Kilometern treffen wir die ersten Tiere und nehmen uns die Zeit, den Rentieren beim Fressen zuzuschauen, respektive sie vor die Linse zu bekommen.









Und das gibt natürlich auch bei uns Hunger und so steuern wir auch schon auf die Torvisen Maja zu. Ebenfalls perfekt an der Loipe oder dem Biketrail gelegen und mit einem der weltbesten Donuts (Munkki) im Angebot 🍩. «Maja» heisst übrigens Finnisch schlicht «Hütte» und Torvisen ist der Familienname von der Familie, die die Hütte ursprünglich gebaut und ab 1984 als Loipen-Café betrieben hat. Wir verquatschen uns mit dem Eigentümer, bekommen wieder jede Menge gute Infos und nachdem wir jetzt quasi für die ersten 3 Kilometer drei Stunden gebraucht haben, geht es los auf den Rest der Runde.

Und dann wird uns auch klar, warum die Komoot-Tour so lange dauert. Das Terrain ist ruppig, matschig und unsere Gravelbikes sind gut gefordert. Mit so knapp 8 Stundenkilometern kämpfen wir uns durch das Gelände. Ja, jetzt ist alles klar. Zwischendurch immer mal wieder einen Fotohalt, um auch den Kuukkeli zu begutachten und so wird aus dem geplanten Vormittags-Gravel-Türli eine ganztägige Tour.



Am frühen Abend kurz die Beine hochlagern, z’Nacht essen, und schon wird für die Nachtwanderung gepackt. Das Ziel heute Abend ist die Ukko-Luoston Maisematupa, eine kleine Hütte auf dem höchsten Hügel von Lusto, die Schutz vor der Witterung und den vor allem in der Zwischenzeit doch eher kalten Temperaturen gibt. Und das können wir gut gebrauchen, denn das Warten auf die Nordlichter dauert wieder einmal gefühlt ewig. Effektiv nur gut eine Stunde, aber wenn man einfach so in der Dunkelheit wartet, dann zieht sich die Zeit schon so dahin ⏳.
Um etwa 22.30 Uhr ist es so weit, und wir sehen die ersten Nordlichter unserer aktuellen Reise. Immer wieder magisch, dieses Naturschauspiel zu sehen, auch wenn die Intensität dieses Mal nicht so hoch ist und von Auge die Intensität nicht ganz so stark wirkt wie auf den Kamerabildern. Kurz vor Mitternacht geht’s dann durch die Dunkelheit zurück zu unserem Camper.



















Gemäss einer finnischen Sage entstehen Nordlichter übrigens, wenn der Polarfuchs so schnell durch den Schnee rennt, dass sein buschiger Schwanz dabei Funken in den Himmel schleudert, daher auch der finnische Name «revontulet», oder wörtlich «Fuchsfeuer». Und für alle, die eher nach einer wissenschaftlichen Erklärung suchen, helfen Michi und sein Göttemeitli Hailey natürlich jederzeit gerne mit Fakten weiter 😉.
Auch der Dienstag begrüsst uns bei bestem Wetter, und so schwingen wir uns ohne Frühstück aufs Rad, um wieder in der Torvisen Maja einen Kaffee und Munkki zu geniessen ☕. Spontan entscheiden wir auch heute, die gesamte Runde um den Ukko-Luosto zu absolvieren. Jetzt wissen wir ja bereits, dass wir die zwei Stunden sicher brauchen. Und einmal mehr werden wir belohnt von schöner Natur und wundervollen Tieren 🦌.










Das schöne Herbstwetter war nicht von langer Dauer, und so nutzen wir die Zeit, um unsere gesammelten Preiselbeeren einzukochen. Stundenlang gesammelt, gereinigt, von den Stielen entfernt und eingekocht, und am Schluss gibt es doch nur ein Glas. Lange werden unsere Vorräte also nicht halten, aber hoffen wir doch, dass wir dann zu Hause noch etwas eingekochte Beeren für ein feines Köttbullar haben. Und schon ist es Zeit weiterzuziehen. Unser nächstes Ziel ist die Region Ruka-Kuusamo an der finnisch-russischen Grenze.

