Nordkurs

Äxte, Beeren und plötzlich ist es eine Stunde früher

Die Nacht ist eisig und die Heizung haben wir ausgeschaltet und so verschanzt sich Nici so lange wie möglich unter der warmen Bettdecke. Aber einmal aufgestanden geht’s rucki-zucki. Camper fahrbereit machen und ohne Frühstück los Richtung Gränsfors Bruk. Das kennt jetzt hoffentlich jeder von euch 🙂, und falls nicht, dann schleicht mal im Transa durch die Regale und schaut euch die Äxte und Beile genauer an oder macht einen Ausflug zu Gränsfors Bruk, da stehen natürlich alle Modelle zum freien Testen vor dem Museum bereit.
Wir sind übrigens bereits stolze Besitzer einer Axt von Gränsfors, da Michi diese von einem schwedischen ehemaligen PhD für die Unterstützung während seiner Doktorarbeit bekommen hat. An dieser Stelle ein ganz lieber Dank an Petrus, nicht nur für die tolle Axt, sondern vor allem auch für die vielen Schweden-Tipps.

In Schweden ist bereits absolute Nebensaison und wir waren enttäuscht, dass es keine offiziellen Werkstouren mehr gibt. Aber es gibt etwas viel besseres! Nach der Anmeldung im Fabrikladen erhalten wir eine gelbe Warnweste, eine Sicherheitsinstruktion und dann heisst es «help yourself». Immer schön daran denken, dass hier alles heiss und scharf ist, brav hinter den roten Linien bleiben und einfach staunen. Und wenn gerade ein Mitarbeiter Zeit hat, erklärt er auch gerne, was er da genau tut. Und so stapfen wir mit unseren Warnvesten los und lassen uns natürlich alles bis ins letzte Detail erklären. Weil es hier auch keine Firmengeheimnisse gibt, sondern das ganze Äxte- und Beilschmieden vor allem gefühlvolle Handarbeit ist, dürfen wir sogar überall fotografieren.

Natürlich gibt’s auch einen Fabrikshop, und der Verlockung können wir nicht widerstehen. Eine Outdoor-Axt wandert ab sofort mit uns weiter. Jetzt kann uns also nichts mehr passieren und es bleiben lediglich noch 69,999 Äxte der Jahresproduktion die derweil in alle Welt verkauft werden können.

Draussen gibt es zum Abschluss einen Axtwurfposten, auch der muss ausprobiert werden… der gesunde Menschenverstand in Sachen Sicherheit wird auch hier vorausgesetzt.

Weiter geht’s nordwärts Richtung Höga Kusten, der Hohen Küste, die seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört. Nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern weil sich hier das Land seit dem Ende der letzten Eiszeit stärker hebt als sonst irgendwo auf der Welt, um bis zu 285 Meter seither, und noch heute jährlich um rund 8 Millimeter. Besonders angetan hat es uns dabei die Högakustenbron. Die 1997 eröffnete Hängebrücke über den Ångermanälven ist mit 1,867 Metern Länge und 187 Metern Höhe eine der längsten Hängebrücken der Welt und erinnert mit ihrer Spannweite von rund 1,200 Metern nicht ganz zufällig an die Golden Gate Bridge.

Nach einem kleinen Spaziergang mit toller Aussicht über die Brücke und den bottnischen Meerbusen geht’s dann auch schon weiter nach Bönhamn. Das idyllische Fischerdorf geht auf Fischer aus Gävle zurück, die sich hier schon im 17. Jahrhundert niederliessen. Nur die Saison ist definitiv vorbei, und alles liegt so verschlafen da, dass es nicht mal einen Kaffee gibt.

Wir ziehen also noch ein paar Kilometer weiter Richtung Norden, und für heute gönnen wir uns dann sogar Meersicht für die Übernachtung.

Måviken liegt am Bottnischen Meerbusen und hat einen wundervollen Campingplatz, der allen notwendigen Komfort bietet: Einzelduschen, saubere WCs, eine Küche und eine gute Abwaschstation. Was will das Camperherz denn eigentlich mehr? Und so entscheiden wir uns, einige Tage in Måviken zu bleiben und ein paar erholsame Tage einzulegen. Wir versuchen auch, unsere Kleider zu waschen, aber das bleibt wohl eher ein Versuch. Nachdem wir einen Tag zwischen Camper und Waschraum hin und her marschiert sind, haben wir aufgegeben. Stinken wir halt weiter vor uns hin.

Viel erfolgreicher sind dann unsere Beerensammelausflüge. Die Heidelbeeren sind bereits stark abgeerntet, aber wir sammeln ganz fleissig Lingon Berry oder auf Deutsch Preiselbeeren. Für die Verarbeitung fehlen uns leider Zucker und saubere Gläser, aber die werden wir dann das nächste Mal in einem Supermarkt mitnehmen.

Die Tage vergehen mit Lesen, Radeln, Gesellschaftsspielen, Backen, Beerensammeln und einfach mal nichts tun ganz schnell, und schon bald ziehen wir weiter Richtung Norden.

In Umeå machen wir einen Stopp und erkunden die Stadt mit dem Bike. Schwups landen wir bei Costas of Sweden, einer kleinen Kaffeerösterei, deren Besitzer 2007 schwedischer Barista-Meister wurde und Schweden sogar an der Weltmeisterschaft in Japan vertrat. Einen Cappuccino, einen Chai Latte und je ein Süssgebäck später geht es dann auch schon wieder zurück zum Camper und weiter gen Norden.

Unser nächstes Nachtquartier ist in Skelleftehamn in einem Yachthafen. Die Aussicht auf den Bottnischen Meerbusen einmal mehr unglaublich schön, unser Nachtlager inmitten von anderen Campern nichts Aussergewöhnliches. Aber macht ja nichts, am nächsten Tag möchten wir sowieso zügig weiter Richtung Haparanda-Tornio.

Haparanda-Tornio ist eine zweigeteilte Stadt. Haparanda liegt in Schweden und Tornio in Finnland. Also zwei Länder, zwei Sprachen, zwei Währungen, aber vor allem auch zwei Zeitzonen. Und so setzen wir uns auf die Schaukel mit Blick über den Grenzfluss Tornionjoki und können wählen, ob jetzt 12.00 oder 13.00 Uhr ist. Kleiner Fun Fact am Rande, an Silvester feiert man hier gleich zweimal Neujahr, einmal auf finnischer und eine Stunde später nochmal auf schwedischer Seite.

Egal ob 12.00 oder 13.00 Uhr ist, für uns ist vorallem Mittagessenszeit. Und wir gönnen uns natürlich Köttbullar im nördlichsten IKEA der Welt. 2006 hat IKEA-Gründer Ingvar Kamprad das Möbelhaus gegen den Willen des eigenen Verwaltungsrats hier hochgezogen, intern lief das Projekt lange nur unter dem Codenamen «Ingvars Projekt». Das Einzugsgebiet reicht bis heute weit über Schweden und Finnland hinaus. Auch Norweger kommen gerne über die Berge angereist, und bis zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 zählten sogar Kunden aus Russland dazu. Die Eröffnung war ein riesiger Erfolg und statt der erwarteten einen Million Besucher kamen im ersten Jahr gleich zwei Millionen, und auch heute pilgern über eine Million Menschen pro Jahr hierher. Zum Vergleich, die neun IKEA-Filialen der Schweiz zusammen kommen auf rund 13 Millionen Besucher im Jahr, macht im Schnitt etwa 1,4 Millionen pro Filiale. Das nördlichste IKEA der Welt mitten im 10,000-Seelen-Grenzstädtchen zieht also fast mit einer durchschnittlichen Schweizer Filiale gleich. Nicht schlecht für einen Ort, an dem sonst eher Elche als Menschen unterwegs sind.

Unser Nachtquartier schlagen wir auf dem Campingplatz Cape East auf. Das ist der östlichste Punkt von Schweden, und der Camping gehört zu einem Hotel und bietet auch einen Spa-Bereich an. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen und starten gemütlich mit Sauna und Whirlpool. Die Sauna dort soll übrigens die grösste der Welt sein, zehn Sitzreihen für bis zu 150 Personen, unten 40 Grad, ganz oben bis zu 100 Grad. Wir sitzen gemütlich im Aussenpool, als 4 Finnen zu uns stossen, die an der im Spa integrierten Bar wohl schon eher etwas zu tief ins Glas geschaut haben. Aber macht nichts, wir werden gut unterhalten und nehmen einige Tipps für die Weiterreise nach Finnland entgegen. Michi macht dann sogar beim Freundschaftsritual mit und steigt ins Eisbad und unter die Eisdusche, wo 100 Liter Eiswasser über einem ergossen werden. Irgendwann haben die finnischen Kollegen einen Termin fürs Nachtessen, und so geniessen wir noch den Rest vom Spa-Bereich und legen uns danach todmüde, aber für einmal wieder sauber geputzt, ins Bett.

P.S: Was uns hier auch auffällt, Volvo-Radlader stehen buchstäblich überall herum, vor Bauernhöfen, an Tankstellen, sogar auf dem Parkplatz vom Supermarkt scheint niemand ohne auszukommen. Kein Wunder Volvo (Construction Equipment) ist der weltweit grösste Hersteller von Radladern und Knicklenker-Muldenkippern, mit Modellen von 5 bis über 200 Tonnen Einsatzgewicht und ein bisschen Nationalstolz muss ja schon sein. Michi jedenfalls hat spätestens beim dritten Radlader vor einem x-beliebigen Dorfladen beschlossen, dass unser Garten zuhause eigentlich auch einen braucht. Für den Einkauf im Volg, versteht sich. Effizienz geht schliesslich vor.